In Hamburg wurde jetzt mitten in der City eine Frau von einem jungen Wolf gebissen. Kann das auch in Peine oder den Ortschaften des Landkreises passieren? Ein Biss sei ungewöhnlich und unwahrscheinlich, sagt Wildtierexperte Andreas Kinser, Leiter Natur- und Artenschutz bei der Deutschen Wildtier-Stiftung. „In 99 Prozent der Fälle ergreift der Wolf die Flucht, wenn er auf einen Menschen trifft.“
Und dass ein Wolf überhaupt bis in die Stadt vordringt sei sehr selten. „Offenbar war er an der Elbe entlang vom Vorort Blankenese aus immer weiter in die Stadt gewandert, vielleicht schon unter Stress, denn die städtische Umgebung ist für ihn ungewohnt und bedrohlich“, so Kinser. Statt Ruhe, Wald und Wild, war er konfrontiert mit Autos, Lärm und Beton und Menschen.
Eine Begegnung mit einem Wolf mindestens am Rande der Dörfer des Landkreises Peine oder auch darin aber wird wahrscheinlicher. Allein weil die Population wächst. In keinem anderen Bundesland gibt es mittlerweile so viele Wölfe wie in Niedersachsen. Aktuell 63 Rudel, rund 600 Tiere.
Und der Wolf breitet sich weiter aus - auch rund um Peine. War bisher allenfalls der nördliche Landkreis, das Gebiet um Abbensen, Edemissen und Wehnsen gelegentlich betroffen, musste Wolfsberater Lüder Richter seinen jüngsten
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Riss in Liedingen bei Vechelde begutachten. Am 28. März war dort eine Ricke mit typischen Bissspuren und geöffnetem Bauchraum gefunden worden. Artgerechtes Wolfverhalten. Zwei Tage später tappte das Raubtier unweit vom Fundort zudem in eine Fotofalle. „Die Sache ist eindeutig“, so Lüder.
Ob sich ein festes Rudel Wölfe im Landkreis Peine ansiedeln wird, ist nach aktuellem Stand unklar. Bisher seien es im Kreis stets nur durchziehende Tiere auf der Suche nach neuen geeigneten Territorien gewesen. Aber der mögliche Raum ist begrenzt. Nachgewiesene Rudel mit neuem Nachwuchs gibt es bereits bei Celle, Burgdorf, Wolfsburg, und bei Gifhorn sogar zwei, so das Niedersächsische Wolfsmonitoring.
Im Landkreis Peine vorstellbare potenzielle Rudel-Reviere seien das Fürstenauer Holz und das Zweidorfer Holz, meint Steffen Bartels, Vorsitzender der Jägerschaft Peine. „Wir hoffen das natürlich nicht. Aber die Jungwölfe werden derzeit aus den Rudeln vertrieben und gehen auf Wanderschaft“.
Bisher seien die Autobahn 2 und der Mittellandkanal stets Barrieren für den Wolf gewesen, sagt Bartels. Daher seien Wolfspuren bislang eher im nördlichen Landkreis gefunden worden. „Dass nun auch Risse im südlichen Landkreis dokumentiert wurden, zeigt, dass der Wolf diese Grenzen nachhaltig überwunden hat.“
Das könnte Folgen haben für Eigentümer von Nutztieren. Pferde, Ziegen, Schafe sollten alsbald mit wolfssicheren Zäunen geschützt werden. Wer das nicht tut, seine Tiere aber über Nacht auf der Weide lässt, riskiert mittelfristig Verluste und Probleme mit Ausgleichszahlungen. Denn nur bei nachgewiesenem Schutz wird gezahlt. Noch nicht alle Weiden seien umfassend fachgerecht gesichert.
Was tun, wenn man einem Wolf begegnet und dieser nicht sofort das Weite sucht? „Sich groß zu machen, Lärm zu machen, bestenfalls mit einem Gegenstand laut auf etwas klopfen“, empfiehlt Wolfsberater Lüder Richter. Und wenn auch Lärm machen nicht hilft? „Rückwärtsgehen, aber langsam.“
Ein Wolf, der sich bedroht fühlt, beginnt zu knurren, bleckt die Zähne, stellt den Schwanz auf und zieht die Schultern hoch. Spätestens dann kann es brenzlig werden. Ruhig den Rückzug antreten, Abstand gewinnen ist dann die Devise. „Den Wolf dirigieren zu wollen, wie offenbar in Hamburg geschehen, ist die denkbar schlechteste Option“, betont Wildtierexperte Andreas Kinser.
Tatsächlich hatte die Frau, die mitten in Hamburg auf den Wolf getroffen war, nach Berichten versucht, das offenbar in die City verirrte Tier zu leiten. „Der Wolf wird sich extrem in die Enge gedrängt gefühlt haben“, so Kinser. Und wie reagiert der Wolf auf Kinder? „Auch kleine Menschen gehören nicht ins Beuteschema eines Wolfes. Der Mensch wird vom Wolf als Feind wahrgenommen, er wird immer zunächst versuchen, zu fliehen“, betont der Experte. Anders bei Nutztieren. Schafe, Ziegen, bisweilen sogar Pferde sind für Wölfe willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan.
Was passiert mit dem jungen Wolf, der in Hamburg die Frau verletzt hat? Er ist zunächst in der Wildtierauffangstation bei Sachsenhagen im niedersächsischen Landkreis Schaumburg untergebracht worden.