Bis vor kurzem hat er noch verletzte Gelenke operiert, komplizierte Brüche mit Schrauben stabilisiert oder verschobene Knochen wieder in ihre natürliche Position gerichtet. Jetzt hat sich sein Berufsalltag grundlegend geändert – und das findet Dr. Steffen Märtens gut. „Ich habe Spaß daran, etwas zu lernen“, betont er. Auch mit 58!
Er verschreibt seinen Patienten nun Cholesterin-Senker, misst Blutdruck oder spritzt die Grippe-Impfung. Hausbesuche statt Nachtdienste. Vom Spezialisten zum Allrounder. Und das Allerwichtigste: Seine Patienten sieht er jetzt regelmäßig, begleitet sie engmaschig. „Das hier ist eine Lebensbetreuung“, betont Dr. Märtens. Als Unfallchirurg in einer Klinik habe er, salopp gesagt, „die Patienten wieder zusammengebaut, aber sie danach oft nie wieder gesehen“.
Das besondere Verhältnis zu den Patienten – das ist allerdings nicht der einzige Grund, warum der Woltorfer schon jetzt sagt: „Es war die richtige Entscheidung.“ Die Arbeit in einer Klinik sei für ihn immer mehr zur Belastung geworden. Ständiger Personalwechsel, schlauchende Nacht- und Wochenenddienste, Unterbesetzung, Finanzdruck: „Die Klinik-Situation hat sich dramatisch verschlechtert, es frisst einen auf“, bedauert Märtens.
Er erinnert sich noch, wie er mit seiner Frau aufgrund der Belastung an den Feiertag-Diensten mal ein Hotelzimmer in Goslar gebucht hatte: „Da haben wir kurz Weihnachten gefeiert.“ Denn seine Frau arbeitete als Oberärztin an der Uni-Klinik in Magdeburg in der Orthopädie.
Ein ärztlicher Kollege machte dem Ehepaar Märtens schließlich ein besonderes Modell schmackhaft: Seit 2018 ermöglicht auch die Ärztekammer in Niedersachsen Fachmedizinern den Quereinstieg zum Allgemeinmediziner. Dr. Nicole Märtens legte vor, ihr Mann legte nach.
Zwei Jahre dauert die Weiterbildung, die bei einem Arzt absolviert werden muss, der die Erlaubnis dafür hat. Dr. Friedrich Scheibe hat sie – und er freute sich sehr über den neuen Kollegen. „Wir profitieren als Praxis auch davon, Herr Märtens
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bringt unheimlich viel Erfahrung mit“, betont er.
Der Kreisvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung begrüßt das Quereinsteiger-Modell ausdrücklich. „Es ist schön, dass diese Möglichkeit eingeführt worden ist. So können Kollegen, die vielleicht nicht mehr in einem Klinikumfeld arbeiten möchten, in einen anderen Bereich neu und unkompliziert einsteigen.“
Die Kassenärztliche Vereinigung und die Krankenkassen zahlen dafür eine monatliche Förderung für das Gehalt. „Wir könnten das als Praxis ohne die Förderung nicht finanzieren“, unterstreicht Scheibe. Mehrere Tausend Euro sind es. Und Märtens merkt an, dass die Förderung Kollegen die Angst vor einem Wechsel genommen hat.
Doch das Modell hat auch schon Kritik geerntet. Der Verband des Klinikmanagements kritisierte, dass damit ebenfalls dringend benötigte Klinikärzte abgeworben würden. Scheibe entgegnet jedoch: Viel schlimmer wäre es, wenn die Betroffenen dem Arztberuf stattdessen komplett Adieu sagen würden und dafür vielleicht in der Pharmamedizin einsteigen.
So könne die Hausarzt-Versorgung profitieren, Allgemeinmediziner sind nämlich auch in Peine weiterhin Mangelware. Gleich neun offene Hausarzt-Sitze gibt es im Landkreis laut Kassenärztlicher Vereinigung Niedersachsen. Quereinsteiger können hier also zum echten Gewinn werden.
Dr. Steffen Märtens ist bereits auf der Zielgeraden seiner Weiterbildung. Auch Zusatzqualifikationen für die Palliativmedizin und Akupunktur hat er bereits absolviert. Für November peilt er die Facharzt-Prüfung zum Allgemeinmediziner an. Danach will er in der Praxis einsteigen, in der auch seine Frau bereits arbeitet.
Dr. Nicole Märtens bildet eine Praxisgemeinschaft mit Dr. Peter Mysliwietz an der Hildesheimer Straße in Vechelde. Die Gemeinde darf sich also über einen weiteren Hausarzt freuen - und Dr. Steffen Märtens über kurze Wege zur Arbeit und eine besondere Wertschätzung von Patienten. „Hausärzte sind gefühlt die letzte Verteidigungsbastion im System“, sagt er.
Welchen Stellenwert sie bei den Patienten genießen, dafür hat er ein schönes Beispiel parat: Selbst wenn es in Beratungsgesprächen um einen chirurgischen Eingriff ging, hörte der Unfallchirurg regelmäßig einen Satz: „Da würde ich gerne noch einmal mit meinem Hausarzt drüber sprechen.“