Jetzt freut sich der Vater dreier erwachsener Kinder (29, 27, 21) aber erstmal auf mehr Zeit für Dinge, „die ich bisher nur so nebenbei betrieben habe“. Er möchte zum Beispiel mehr Radfahren, wieder häufiger im Chor singen, Fußball-Spiele von Eintracht Braunschweig live im Stadion sehen. „Und mit einem Italienisch-Kurs habe ich auch gerade angefangen.“ Mit seiner Frau berät er zudem gerade, ob sie sich nun einen langgehegten Wunsch erfüllen und sich einen Hund anschaffen. „Hunde sind tolle Lebensgefährten. Ich bin damit groß geworden.“
Mit der Peiner Allgemeinen Zeitung blickte der zweite hauptamtliche Landrat nach Franz Einhaus unter anderem auf seinen größten Erfolg und seine größte Enttäuschung zurück. Und verrät auch, über welche Premiere im Landkreis er sich im Zuge des Klinikum-Neubaus freuen würde.
▶ Der Blick zurück
Am 1. Februar 2006 heuerte Heiß beim Landkreis Peine an und leitete fortan 15 Jahre als wichtigster Dezernent im Kreishaus die Geschicke mit. Er hatte sich für das Amt des Ersten Kreisrats beworben – und durchgesetzt. „Die Aufgabe hat mich gereizt, und ich musste dafür nicht umziehen“, sagt er. Heiß lebt in Didderse, geschätzt keine 500 Meter von der Peiner Kreisgrenze entfernt. Der Ort gehört zwar zu Gifhorn, „aber für mich ist Peine zum Stück Heimat geworden, es ist schließlich ein ganz wichtiger Teil meines Lebens gewesen“.
Den Landkreis zeichne vor allem aus, „dass er sehr offene und freundliche Menschen hat“ – und eine spannende Entwicklung. Heiß kürte das Hüttengelände in Ilsede mal zu seinem Lieblingsplatz. „Hier ist Geschichte spürbar. Mich beeindruckt zum einen die alte Architektur. Aber hier ist auch abzulesen, warum Peine keine Beamten-Stadt und kein Beamten-Landkreis ist. Hier ist greifbar, welch unfassbaren Wandel die Gemeinde und die Region erlebt haben“, schwärmte Heiß einst beim Blick über das Hochofen-Plateau.
In der Kreisverwaltung habe er sich von Anfang an sehr wohlgefühlt. „Auch weil ich sehr gut mit meinem Chef ausgekommen bin“. Franz Einhaus war das, den Heiß nach der Kommunalwahl 2021 als Landrat beerbte.
▶ Sein größter Erfolg
42 dafür, vier dagegen: Mit großer Mehrheit stimmten die Abgeordneten des Peiner Kreistags Anfang September für den Neubau des Peiner Klinikums an der Virchowstraße. Diesen Beschluss wertet Heiß als den größten Erfolg seiner Amtszeit. Er ist überzeugt, Peine braucht einen adäquaten Ersatz für das stark sanierungsbedürftige Krankenhaus. „Weil wir hier im ländlichen Raum auf eine stationäre Versorgung angewiesen sind. In vielen Notfällen ist es eben keine Alternative, erst nach Hannover oder Braunschweig fahren zu müssen“, betont der 68-Jährige. Er verweist zudem auf ältere Angehörige, die es dann noch schwerer hätten, ihre Liebsten zu besuchen. Und: „Wir brauchen das Krankenhaus auch, weil es so gut angenommen wird.“ Auch Patienten aus Lehrte, Lengede oder Vechelde würden hier inzwischen vermehrt behandelt.
▶ Sein schönster Moment
Die Astrid-Lindgren-Schule in Groß Ilsede ist eine Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung. 2015 wurde sie bereits zum zweiten Mal an dem Standort erweitert – und an die Einweihungsfeier und das Zusammentreffen mit Schülern und Lehrern denkt Heiß besonders gerne zurück. „Das ist mir sehr nah gegangen. Hier wird etwas für Kinder getan, die in dieser Welt permanent auf Hilfe angewiesen sind“, betont er die Wichtigkeit.
▶ Die größte Enttäuschung
Erst der Rückkauf, dann die Neubau-Pläne – das Peiner Klinikum hat Landrat Henning Heiß viel Arbeit beschert, aber schlaflose Nächte hatte er wegen etwas anderem: „Wegen Corona“, sagt er. Diese Zeit sei schrecklich gewesen „und sie hat mich auch an meine Grenzen geführt“. Der Landkreis Peine musste Verordnungen durchsetzen. Dazu gehörte zwischenzeitlich auch, dass Bewohner von Alten- und Pflegeheimen keinen Besuch mehr empfangen durften, mit der Folge, dass sie mitunter ohne Begleitung der engsten Verwandten gestorben sind. „Das war die unangenehmste Sache überhaupt“, so Heiß.
Unangenehm war noch etwas: Heiß wurde vorgeworfen, sich mit dem damaligen Landrat Franz Einhaus beim Impfen „vorgedrängelt“ zu haben. Die beiden hatten sich auf Anraten des Krisenstabs und des Impfarztes aus Impfresten nach einer Impfaktion für Sanitäter impfen lassen. „Ein Fehler“, wie Heiß später einräumte und auch heute noch betont.
Gekämpft hatte Heiß als Erster Kreisrat für eine Fusion mit dem Landkreis Hildesheim, um Einsparungen in Höhe von rund 20 Millionen Euro zu erreichen. Die Fusion fand keine Mehrheit. „Ich habe diese demokratisch getroffene Entscheidung respektiert. Aber rein fachlich betrachtet, wäre es die für mich die richtige Entscheidung gewesen“, betont der Sozialdemokrat.
▶ Der Blick nach vorne
Herausfordernde Themen – da sieht Heiß für den Landkreis in naher Zukunft mehrere. Die Verwaltung sei derzeit „mitten im Digitalisierungsprozess“. Künstliche Intelligenz könne die Arbeit erleichtern. „Bisher haben wir vor allem Personal aufgebaut. In drei bis fünf Jahren gehe ich davon aus, dass die Zahl sinken kann.“
Die „desaströse Finanzlage“ könne der Kreis nicht selbst in den Griff bekommen. Denn: „Wir absolvieren fast nur Pflichtaufgaben. Das heißt: Entweder kommt vom Bund oder dem Land mehr Geld oder man verringert unsere Aufgaben“, sagt der Verwaltungsfachmann. Im Bereich Schulen zu sparen, sei dagegen nicht angebracht. „Bildung ist ein Kernthema, da dürfen wir nicht nachlassen, das ist unsere Zukunft“, betont Heiß. Er verweist etwa darauf, dass am Schulzentrum in Groß Ilsede investiert werden müsse. In Vechelde soll die Realschule neu gebaut werden. Die Schulentwicklungsplanung laufe.
Nach dem Beschluss des Kreistags hofft Heiß, dass die Arbeiten für den Klinikum-Neubau Anfang 2027 schon starten können. Heiß würde sich wünschen, dass es gelingt, am Standort auch ein stationäres Hospiz einzurichten. „So etwas gibt es bisher in Peine nicht.“ Der Betreiber könnte privat sein, „aber der Kreis könnte die Sache vielleicht anschieben und begleiten“, erläutert er.
Henning Heiß wird die Entwicklung interessiert verfolgen. „Die Bindung werde ich nicht verlieren, ich bin ja auch Mitglied in der Peiner Schützengilde.“