Ginge es nach Elon Musk, dann wäre Wikipedia längst pleite oder gar nicht mehr online. Immer wieder poltert der Tech-Milliardär und heutige Trump-Berater gegen die freie Online-Enzyklopädie. Etwa nach der Amtseinführung Donald Trumps: „Entziehen Sie Wikipedia die Mittel, bis das Gleichgewicht wiederhergestellt ist!“, schrieb Musk auf seiner Plattform X.
Es ist nur einer von vielen Angriffen, die Musk seit Monaten gegen die Online-Plattform fährt. Einmal suggerierte der Tech-Milliardär auf X, Wikipedia werde von „linksradikalen Aktivisten“ kontrolliert, immer wieder bezeichnet er die Plattform als „Wokepedia“. Der Vorwurf: Die Autorinnen und Autoren der Plattform seien voreingenommen und würden dort ausschließlich linke Positionen zulassen.
Ein Beleg für die angebliche Voreingenommenheit der Plattform gibt es allerdings nicht. Eine politische Schieflage bei Wikipedia wurde in den vergangenen Jahren mehrfach untersucht, konnte in dieser eindeutigen Form, wie Musk und seine Anhänger sie propagieren, jedoch nicht nachgewiesen werden.
Ganz überraschend kommen die Attacken nicht: Wikipedia hat sich seit seiner Gründung im Jahr 2001 zu einer Art Standardwerk der schnellen Informationsbeschaffung entwickelt. Betrieben wird die Seite von einer gemeinnützigen Stiftung, der Wikimedia Foundation, die sich durch Spenden finanziert. Die Inhalte selbst werden von hunderttausenden Freiwilligen recherchiert und getextet, die für ihre Arbeit nicht bezahlt werden.
Ohne Frage hat das basisdemokratische Konzept seine Schwachstellen: Studien bescheinigten Wikipedia eine mangelnde Diversität seiner Autoren, Recherchen fanden eine Einflussnahme durch professionelle PR-Firmen. Dennoch: Die eingespielten Prüfmechanismen garantieren zumindest ein gutes Maß an Verlässlichkeit im immer lauter werdenden Getöse, das sonst das Internet beschallt.
Ein Konzept, das Akteuren wie Musk und Trump verständlicherweise nicht gefällt. Während sie die sozialen Medien und befreundete Alternativmedien mit Desinformationen fluten können, gibt es bei Wikipedia ein ausgeklügeltes Konzept, bei dem die Community Fakten kritisch prüft und selbst die kleinsten Formulierungen ausschweifend debattiert. Eine Lüge in einem Wikipedia-Artikel unterzubringen, ist möglich – aber ein kompliziertes Unterfangen. Das macht Wikipedia zu einer Art „letzter Bastion gemeinsamer Realität“, wie es der Schriftsteller Alexis Madrigal einmal formulierte.
Die Frage ist nur: wie lange noch? Schon die Geschichte hat gezeigt, dass politische Akteure in autoritären Staaten zuallererst auf die Informationsfreiheit der Bürgerinnen und Bürger abzielen. Da werden dann Bücher verboten, Medienhäuser geschlossen oder auf Linie gebracht und unliebsame Publikationen unter Druck gesetzt. In den USA, wo der Staatsumbau seit der Amtseinführung Trumps in vollem Gang ist, sind derartige Angriffe ebenfalls zu beobachten.
Trump selbst schloss zuletzt mehrere unliebsame Medien von Pressekonferenzen im Weißen Haus aus. Sein Berater Musk kontrolliert mit X den einst wichtigsten Kurznachrichtendienst im Internet – dort ließ er schon vor der Amtsübernahme Trumps immer wieder Journalistinnen und Journalisten sperren. Und auch die restliche amerikanische Tech-Blase spielt Trumps Spiel mit: Amazon-Gründer Jeff Bezos, der Trump offen unterstützt, schränkte vor einigen Tagen das Meinungsressort seiner Zeitung „Washington Post“ ein.
Und auch die Attacken auf Wikipedia werden immer heftiger. Rund um Weihnachten, als Musk mehrere Posts zur Plattform absetzte, wiederholte er auch ein Angebot, das er der Online-Enzyklopädie schon im vergangenen Jahr unterbreitet hatte: Er könnte die Website für eine Milliarde US-Dollar kaufen und sie dann in „Dickipedia“ umbenennen, so Musks Vorschlag.
Eine feindliche Übernahme, wie damals beim Kurznachrichtendienst Twitter, ist aktuell jedoch die am wenigsten realistische Variante eines Angriffs. Bei den alljährlichen Spendenaufrufen um die Weihnachtszeit betont die Wikimedia Foundation stets ihre Unabhängigkeit, die tief in ihrer DNA liegt. Wikipedia stehe nicht zum Verkauf, heißt es unter anderem auf Werbeanzeigen.
Die Struktur der Website selbst mit all ihren Autorinnen und Autoren und ausgeklügelten Kontrollmechanismen ist so etwas wie der Endgegner, für all diejenigen, die freie Information beschränken wollen.
Vielmehr könnten Musks Attacken dem Image der Plattform langfristig schaden: Viele rechte Schmierkampagnen, so bizarr sie zunächst auch klingen mögen, verfangen irgendwann auch im Mainstream. Wiederholt man eine Lüge nur oft genug, setzt sie sich fest. Und Musk versucht mit seinen immer neuen Postings ganz offensichtlich, an der Glaubwürdigkeit der Website zu kratzen.
Eine andere Taktik wäre, Druck auf Wikipedia-Autorinnen und Autoren auszuüben – etwa durch Online-Belästigung oder sogenannte Slapp-Klagen. Laut einem Dokument, das das Magazin Forward im Januar veröffentlichte, will die Trump-nahe Heritage Foundation die Identität von Wikipedianern entblößen und sie „ins Visier nehmen“. Geschehen soll das mit allerhand fragwürdigen Methoden, wie Analysen von Texten und Benutzernamen und Auswertungen von Datenlecks.
Die Wikimedia Foundation hat auf die Attacken bereits reagiert. Sie kündigte neue Tools an, die Wikipedia-Autorinnen und -Autoren helfen sollen, anonym zu bleiben. Einige dieser Techniken wendet Wikimedia in autoritären Ländern an, in denen es verboten und äußerst gefährlich ist, Wikipedia-Artikel zu bearbeiten. Dies soll die Freiwilligen vor Attacken aus dem Trump-Lager schützen. Und dann gäbe es noch eine weniger offensichtliche, jedoch umso perfidere Methode: den Angriff und die Umdeutung der Wikipedia-Inhalte selbst. Es wäre nicht der erste Versuch dieser Art.