Mitte der 1950-er Jahre steuerten Späher des Bundesnachrichtendienstes die idyllische Kleinstadt Gifhorn in der südlichen Lüneburger Heide an. Wer war dieser Heinrich Bösenberg, der für den Dienst arbeiten wollte? War der Mann sauber? Antworten suchten sie im Gasthaus Broders, beim Friseur und beim Polizeichef.
Sage und schreibe 540 Akten über seinen Vater habe der BND ihm zur Recherche zur Verfügung gestellt, berichtet Dr. Jost-Arend Bösenberg. „Es war unglaublich, was ich da bekommen habe.“ Ein James Bond sei sein Vater trotzdem nicht gewesen. „Er war keine große Nummer.“ Also keine Art deutscher 007 aus Gifhorn. Immerhin aber war der Patenonkel des heute 70 Jahre alten Sohns Vizepräsident des BND.
Die Karriere des Glashüttenerben als Spion startete, nachdem die Gifhorner Glashütte, deren Geschäftsführer und persönlich haftender Gesellschafter er war, stillgelegt wurde. Da war der Autor ein Jahr alt. Zehn Jahre war Heinrich Bösenberg beim Geheimdienst beschäftigt.
Zwei Jahre lang hat der älteste von drei Bösenberg-Kindern und heute in Berlin lebende Dr. Jost-Arend Bösenberg an dem Buch recherchiert. 20 Leitz-Ordner Material hat er zusammengefasst. Was er gelesen hat, war deutlich mehr. 100 Seiten Erinnerungen seines Vaters, vier bis fünf Aktenordner mit Briefwechsel seiner Eltern und eine Originalurkunde von 1878: In Archiven, bei der Aller-Zeitung und in persönlichen Gesprächen zum Beispiel mit den Heimatforschern Heinz Gabriel, Günter Dröge und Karsten Eggeling war der Sohn auf der Spur des Vaters.
„Sobald ich eine Tür anfasste, gingen gleich weitere auf. Immer mehr kam zusammen“, sagt Bösenberg. „Es war eine Kettenreaktion.“ Zuweilen musste die Sütterlinstube in Hamburg beim Entziffern helfen.
„Mein Vater starb, da war ich 13. Ich habe ihn kennengelernt, aber nicht verstanden.“ Das wahre Kennenlernen erlebte er jetzt bei seiner Recherche, die sich als erkenntnisreiche Reise in die eigene Familiengeschichte erwies. Aber auch in die Historie der Stadt Gifhorn. Aufgewachsen in behüteten Familienverhältnissen kam sein Vater in der Zeit des NS-Regimes zum Reichsarbeitsdienst und wurde an der Ostfront verwundet. 1953 tritt er als Angestellter in die Gifhorner Glashütte ein und steigt zwei Jahre später zum Geschäftsführer und Gesellschafter auf. Und dann eben der Bruch und die Neuorientierung in einen geheimnisumwitterten Staatsdienst.
Dr. Jost-Arend Bösenberg erfährt dabei vieles über die Geschichte der Glashütte als damals großer Arbeitgeber in der Stadt und Zwangsarbeit sowie über seinen Vater mit Alkohol-Eskapaden, Lebensfreude und Zwischenmenschlichem. „Ich sah Charaktereigenschaften, die ich nie für möglich hielt“, schreibt er im Klappentext. Auf mehr als 400 Seiten lässt er nun die Leser daran teilhaben. Über den Gifhorner Buchhändler Lutz Dänzer kam er auf den Calluna-Verlag, der das Buch nun herausgegeben hat.