„Er hatte schon immer Auffälligkeiten“, sagt Vater Michael Müller über seinen Sohn Leon (Namen geändert). Schon als Kleinkind konnte der heute Sechsjährige nicht in die Kita im Ort gehen, sondern musste zur Sprachheilkindertagesstätte nach Gamsen. „Alles mit Fahrdienst.“ Die Fortschritte waren überschaubar, und so empfiehlt die zuständige Grundschule den Besuch einer Sprachheilschule.
Doch die erst einmal finden. Im Landkreis Gifhorn gibt es keine mehr. „Der Förderschwerpunkt bestand lange an der Pestalozzischule, damals noch in Gifhorn - musste allerdings aufgrund Schülermangel eingestellt werden“, teilte Landkreis-Sprecherin Friederike Herlemann auf Nachfrage unserer Zeitung mit. Insgesamt besuchten ihr zufolge im abgelaufenen Schuljahr 2025/26 neun Schülerinnen und Schüler aus dem Kreisgebiet externe Förderschulen Sprache, allesamt in Celle. 86 werden im Rahmen der inklusiven Schule im Kreisgebiet beschult.
Für Müllers begann die Suche nach einer Schule außerhalb des Landkreises. Braunschweig habe von vornherein abgewunken, so der Vater. In Wolfsburg, eigentlich naheliegend, sei man weit hinten in der Warteliste gelandet. Dann habe er mit Celle Kontakt aufgenommen. Das war im April. Es klang gut. Die Sprachheilschule dort habe sich sogar um die Genehmigung der Schülerbeförderung gekümmert. „Wir waren zu 100 Prozent davon ausgegangen, dass er dort zur Schule geht.“ Ansonsten hätte er sich um weitere Alternativen gekümmert.
Absage vier Wochen vor den Ferien
Doch die Eltern lernten, dass nichts wirklich sicher ist. „Und dann kommt sowas.“ Im Juni flatterte plötzlich die Absage rein. Mehr Schüler aus dem Kreis Celle hatten offenbar Bedarf, und die Landesschulbehörde in Lüneburg hatte Zweifel an der Zumutbarkeit des Schulweges - trotz Genehmigung des Landkreises. Müllers fielen aus allen Wolken und fühlten sich verschaukelt.
„In vergangenen Schuljahren war es der Sprachheilschule Celle möglich, über die Kinder aus dem Landkreis Celle hinaus Schülerinnen und Schüler aus dem Nachbarlandkreis Gifhorn aufzunehmen“, schreibt die Pressestelle der Landeschulbehörde auf Nachfrage unserer Zeitung dazu. „Zum Schuljahr 2026/2027 überstiegen die Anmeldungen schon aus dem Landkreis Celle die Kapazität der Schule.“ Das sei zunächst nicht absehbar gewesen. Somit hätten Schülerinnen und Schüler aus Nachbarkreisen keinen Anspruch auf einen Platz. Es dürfte nicht nur Müllers betreffen.
Was das Verwaltungsgericht sagt
Müller wandte sich an das für Celle zuständige Verwaltungsgericht Lüneburg mit einem Eilantrag. „Der Antrag ist zwar zulässig, aber unbegründet“, heißt es in der Antwort. Es fehle an einem Anordnungsanspruch, so das Juristendeutsch, dem sich die Familie ausgesetzt sah. „Der Antragsteller hat nicht glaubhaft gemacht, dass er ein Recht auf Aufnahme in die Sprachheilschule hat.“
Auf einen sogenannten Vertrauensschutz könne sich Müller nicht berufen. Die Kammer erkenne zwar an, dass es einige vorbereitende Maßnahmen wie Masernnachweis, Schulführung und Unterlagenübersendung gab, aber diese erfolgten aus Effizienzgründen und seien noch kein Vertrauensschutz. Eine Zusicherung der Sprachheilschule habe es nie gegeben.
Eltern verzweifeln an BürokratieMüller beugt sich über den Schriftverkehr mit dem Verwaltungsgericht und mit den Behörden. Er weiß nicht, wie viele Stunden er sich mit dieser Bürokratie auseinander setzen musste, es müssen wohl zig gewesen sein. „Und ich bin kein Jurist.“ Der Aufwand ist immens, ganz abgesehen von den Sorgen um den Jungen. „Es ist ein Teilzeitjob.“ Neben seiner Schichtarbeit im Werk.
Ende gut, alles gut?
„Die mit der aktuellen Situation verbundenen Belastungen der Erziehungsberechtigten sind für uns nachvollziehbar“, schreibt die Landesschulbehörd
e. Offenbar lässt die Behörde die Familie aus der Samtgemeinde Brome aber nicht hängen. Kaum hatte diese unsere Redaktion eingeschaltet, kamen gute Nachrichten: „Es gibt inzwischen eine Zusage für einen Schulplatz“, bestätigte die Schulbehörde unserer Zeitung.
Landkreis Gifhorn: Keine eigene Sprachheilschule
Aufatmen bei den Müllers. Sie sind froh, endlich einen Platz gefunden zu haben. Gleichwohl wünscht sich Michael Müller auch im Namen anderer betroffener Eltern, dass Gifhorn eine eigene Sprachheilschule oder wenigstens eine -klasse bekäme. Doch da macht Landkreis-Sprecherin Herlemann wenig Mut: „Die Einrichtung neuer Förderschulen oder -schulzweige ist aktuell nicht möglich. Bestehende Angebote haben Bestandsschutz.“