„Tiere managen nicht meine Probleme“
Ahnsen: Carolin Wendt klärt als Tierpsychologin über missverstandene Tierliebe und die Folgen auf

Tiere „lesen“: Tierpsychologin Carolin Wendt berät hauptsächlich Hundehalter, die Probleme im Umgang mit ihrem Tier haben.Foto: Gero Gerewitz
Gifhorn. Da jault und jammert aber jemand kräftig, als die AZ das Haus betritt. „Keine Aufmerksamkeit schenken“, sagt Carolin Wendt ziemlich entschieden. Klingt hart, erst im weiteren Gespräch klärt sich auf, weshalb es in diesem Fall sogar auch für den Jauler namens Tammy besser ist, dass sich niemand seiner Aufgeregtheit widmet und ihn damit sogar noch weiter einheizen hätte können.

Komplett anders stellt sich Cane-Corso-Dobermann-Hündin Maila vor. Ihr ängstliches Hin und Her bei Fremden begleitet die Hausherrin mit dem Wunsch, Maila anzusprechen, ihr Aufmerksamkeit zu schenken und sie so zu beruhigen. Zwei Hunde, zwei Verhaltensmuster – und eine, die diese Eigenheiten versteht und moderiert, damit es eben allen gut geht. Willkommen bei Carolin Wendt, 36 Jahre jung, Mama von zwei Kindern, Frauchen von insgesamt vier Hunden und ausgebildete Tierpsychologin. Nein, bei ihr liegen keine Vierbeiner auf der Couch. Carolin Wendt versteht sich als Mittlerin zwischen Tierhalter und Tier.

Sie löscht, wenn es brennt. Wenn ein Hund gebissen hat, extrem auffällig wird. Wenn die Not der Hundehalter groß ist, sie selbst unter dem vermeintlichen Fehlverhalten des Tieres betroffen sind, dann kommen die Hilferufe. „Dass etwas plötzlich auffällig ist, gibt es aber nicht. Da muss schon vorher etwas gewesen sein. Das hat man meist nicht gesehen.“

Kein Hund beiße einfach mal so zu, jaule in Dauerschleife - die Gründe zu verstehen, dabei hilft die Ahnsenerin. „Nicht alle können mit ihrem Tier kommunizieren.“ Oder aber verstehen, dass die eigene Erwartungshaltung ungesund ist. „Tiere sind kein Seelentröster, sie managen nicht meine Probleme“, sagt Carolin Wendt.

Der Klassiker falsch erlernter Verhaltensmuster: Hunde, die durchdrehen, wenn der Postbote vor der Tür steht und klingelt. „Mache ich Krach, geht der Mensch wieder und ich habe meine Ruhe.“ Das bestärke den Hund, auffällig laut zu werden, um Ruhe zu bekommen. Solche Muster gelte es zunächst zu verstehen.

Oder: Abschiede, die emotional zelebriert werden. Wer zur Arbeit oder zum Einkauf das Haus verlasse und dem Hund eindringlich zurede, man komme ja bald wieder, der entfache schlimmstenfalls beim aufgeregten Tier die Motivation, die Wohnung zu verwüsten, weil er ja alleine gelassen wurde.

Böser Hund, böser Mensch? Das ist für Carolin Wendt überhaupt nicht die Frage. Das Miteinander müsse einfach in Balance sein. Will heißen: Wer zu ihr kommt, muss sich durchaus fragen lassen, ob die Erwartungshaltung ans Tier nicht zu hoch ist. Oder aber die eigene Motivation, einen Hund aufzunehmen. Etwa aus dem Ausland. Das Gefühl, ein Tier zu retten, sei durchaus ehrenwert. Aber häufig seien die Straßenhunde eben Einzelgänger. Und die bringen ein paar Eigenheiten mit, die sich manifestiert haben. Eine Anmerkung zum Thema Straßenhunde aus dem Ausland ist der Expertin auch noch wichtig: „Das Problem löst man mit einer Aufnahme auch nicht. Man hält damit sogar noch den Markt am laufen.“

Wann ihre große Leidenschaft für Hunde entfachte, so genau weiß es Carolin Wendt gar nicht. „Mit zehn Jahren war es endlich soweit und ich bekam meinen ersten Hund.“ Ja, auch Katzen und Pferde würde sie mögen. Aber als mobile Begleiter seien Hunde einfach am besten. „Tiere lesen kann man lernen. Ihre Körpersprache sagt sehr viel aus“, sagt sie.

Acht Jahre lang übte sie den erlernten Beruf Tiermedizinische Fachangestellte aus. Dann kamen die Kinder und Carolin Wendt entschied sich für ein Fernstudium in Tierpsychologie. Mit ihrer Firma CW-Pfotenvielfalt ist die 36-Jährige inzwischen auch als Dozentin bei der Kreisvolkshochschule gefragt. Erste Hilfe fürs Tier, Wissenswertes über die richtige Futterwahl, Aufklären über Missverständnisse zwischen Tier und Mensch - das ist ihre Mission. Bei eigenen Seminaren sammelt sie auch Spenden für die Hilfsorganisation Pfötchenglück in Gifhorn.

Die individuelle Beratung erfolgt übers Telefon. Teilnehmende schicken oft auch Videos, die die Auffälligkeiten im Verhalten eines Hundes zeigen. Zuhören, erklären, vermitteln zwischen Vierbeiner und Zweibeiner - so manchen Aha-Effekt erlebe sie dabei. Alles Weitere sei dann Aufgabe eines Hundetrainers. Sie selbst versteht sich als vorbereitende Hilfe, will Missverständnisse klären. Manchen gehe ein Licht auf, dann kullern auch schon einmal Tränen.

Tiere haben eigene Bedürfnisse - „im Hundekorb wird das Tier nicht angefasst, das ist ein Rückzugsort“. Rückzugsorte sind bald auch gefragt, wenn der Albtraum so manches Hund-Herrchen-Gespanns anfängt. Das tagelange Knallen, Zischen und Leuchten vor Silvester berge so manche Herausforderung, weiß Carolin Wendt. Schon einige Zeit vorher empfehle sich, eine Art Notfallplan auszurollen. Was man davon benötige, hänge vom Hund ab. Rückzugsorte anbieten, Rollo, Decke, doppelte Sicherung beim Spaziergang, oder gar gänzlich auf den Ausgang verzichten, Musik, die den ungewohnten Krach übertüncht.

Apropos Krach: Das Jaulen von Beginn ist längst verstummt. Lerne: Aufmerksamkeit bekommt ein Hund nicht, nur weil er einfach laut jault.

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