Thorsten Lucks ist einer der betroffenen Landwirte. Im Waldhof bei Barnstorf betreibt er mit seiner Familie einen Milchviehstall mit etwa 40 Milchkühen. Lucks Betrieb ist einer der wenigen in Wolfsburg, bei denen noch Nutztiere gehalten werden. Sein vorheriger Tierarzt hat von Nutztieren auf Pferde umgestellt, sodass Lucks auf eine Praxis in Sachsen-Anhalt ausweichen musste. Er erklärt: „Wir haben Glück, dass wir die Praxis gefunden haben, ansonsten hätten wir ein großes Problem. Man muss sagen, dass die sehr engagiert sind. Die machen auch mal eine Stunde länger oder fahren länger. Aber man merkt, dass sie langsam ziemlich ans Limit kommen.“
Trotz enormen Arbeitspensum, langen Fahrtwegen und hoher Belastung bemühen sich die Tierärzte, die Tiere bestmöglich zu versorgen – oft auch über die Grenzen ihrer Belastbarkeit hinaus. „Wir haben ganz viel Arbeit momentan, weil wir etliche Blutproben ziehen müssen. Im Nachbarort ist zudem noch unser Kollege in Rente gegangen, weshalb wir nun auch seine Betriebe versorgen. Ich bin von 6 bis 22 Uhr unterwegs und muss dann noch Büroarbeit machen. Also es ist eine Katastrophe“, berichtet Lucks’ Tierärztin am Telefon. Aufgrund des großen Einzugsgebiets müssen Tiere und Landwirte in Notfällen längere Wartezeiten in Kauf nehmen. Zudem führt der Fachkräftemangel zu steigenden Kosten für Nutztierhalter: Neben den um ein Vielfaches gestiegenen Anfahrtskosten sorgt auch die Erhöhung der Gebührenordnung für Tierärzte für steigende Preise bei Tierhaltern, so Thomas Rosinski, Kleinlandwirt aus Heiligendorf.
Obwohl die absolute Anzahl der praktizierenden Tierärzte in Niedersachsen zwischen 2013 und 2023 um 23 Prozent gestiegen ist, fehlt laut Tierärztekammer Niedersachsen die Arbeitszeit pro Kopf. Die Gründe dafür liegen vor allem in demografischen Veränderungen.
Eine wichtige Rolle spielt die bundesweite Geschlechterverschiebung von behandelnden Tiermedizinern: Durch den hohen Frauenanteil von 70 Prozent (Tendenz steigend) fehlen Arbeitsstunden, da Frauen häufiger nach einem Teilzeitmodell arbeiten.
Die Altersstruktur der praktizierenden Tierärzte verschärft die Situation zusätzlich. Besonders in ländlichen Regionen stehen viele Praxen vor einem Generationswechsel: Zwei Drittel der männlichen und die Hälfte der weiblichen Praxisinhaber sind bereits über 50 Jahre alt. Da in der Nutztiermedizin deutlich mehr Männer als Frauen tätig sind – ihr Anteil ist etwa doppelt so hoch –, betrifft der Generationswechsel überproportional viele von Männern geführte Praxen. Besonders im ländlichen Raum stehen in den nächsten zehn Jahren zahlreiche Betriebe vor der Herausforderung, Nachfolger zu finden, so die Tierärztekammer Niedersachsen.
Anders als in der Humanmedizin gibt es in der Tiermedizin keine zentrale Bedarfsplanung, die steuert, wie viele Tierärzte für eine ausreichende Versorgung in einer Region notwendig sind. Daher ist unklar, ob die Zahl der Neuniederlassungen ausreicht, um den Bedarf in den kommenden Jahren zu decken.
Die Landwirte Lucks und Rosinski fordern Bürokratieabbau, mehr Attraktivität für den Fachbereich Nutztier und eine generelle Entlastung der Tierärzte. Um Forderungen wie diesen nachzugehen und die tierärztliche Versorgung im ländlichen Raum zu sichern, hat Niedersachsen am 14. Februar eine Bundesratsinitiative gestartet. Ein zentraler Punkt: Die Anerkennungsverfahren für ausländische Tierärzte sollen beschleunigt werden. Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte erklärt im Februar in einer Rede, dass viele Bewerber lange auf ihre Zulassung warten müssten und appelliert daran, stärker auf Kenntnisprüfungen statt auf umfangreiche Dokumentennachweise zu setzen.
Zudem sollen Digitalisierungs- und Standardisierungsmaßnahmen die Bearbeitung hoher Antragszahlen erleichtern. Die Zahl der Anträge auf Anerkennung ausländischer Tierarztausbildungen hat sich in den vergangenen Jahren nahezu verdoppelt.
Dies zeigt, dass es qualifizierte Fachkräfte gibt, die entlasten könnten, wenn bürokratische Hürden verringert und die Zulassungsverfahren effizienter gestaltet werden würden.