Ortsbürgermeister reagiert
auf Kritik zu „Waldstadt“
Fehlende Bürgerbeteiligung, Kosten und Zweifel am Namen:Sabah Enversen erklärt die Hintergründe zur geplanten Umbenennung

Sabah Enversen, Ortsbürgermeister von Mitte West, bezieht jetzt Stellung zur Kritik der Bürger (Archivbild).Foto: Britta Schulze
Wolfsburg. Die Umbenennung des bisherigen Bezirks „Mitte West“ in „Waldstadt“ sorgt weiterhin für Diskussionen in Wolfsburg. Leserbriefe und zahlreiche Kommentare in den sozialen Netzwerken zeigen: Viele Bürgerinnen und Bürger stehen dem neuen Namen kritisch gegenüber, bemängeln vor allem fehlende Bürgerbeteiligung und mögliche Kosten. Nun reagiert Ortsbürgermeister Sabah Enversen auf die Vorwürfe.

Enversen gehört zu den Befürwortern der Umbenennung. Er macht deutlich, dass der neue Name aus seiner Sicht eine Chance für den Bezirk beziehungsweise den Ortsratsbereich darstellt. „Mitte West“ sei bislang vor allem eine verwaltungstechnische Bezeichnung gewesen, an der weder die Bürger noch der Ortsrat beteiligt wurden, erklärt Enversen. Mit dem Namen „Waldstadt“ solle eine gemeinsame Identität für mehrere Stadtteile geschaffen werden. Der Begriff greife die besondere Lage vieler Quartiere mit ihren Grünflächen auf und könne das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken.

Aus Sicht des Ortsbürgermeisters liegt das Kernproblem weniger im neuen Namen als im alten. „Der Name Mitte West sagt nichts über die Stadtteile aus“, sagt Enversen. Er sei weder geografisch eindeutig noch mit den sieben betroffenen Stadtteilen – Rabenberg, Klieversberg, Eichelkamp, Hohenstein, Wohltberg, Laagberg und Hageberg – verknüpft. „Kein Mensch weiß, was das eigentlich ist. Und dass die Stadtteile unter dem Namen zusammengefasst sind, weiß auch keiner.“

Gerade das habe in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt, dass das Gebiet politisch und auf Stadtentwicklungsebene kaum wahrgenommen worden sei. „Die Beachtung dieser Stadtteile, auch stadtentwicklungspolitisch, ist unterirdisch“, so Enversen. Während andere Ortsratsbereiche wie Fallersleben und Vorsfelde als „Marken“ etabliert seien, fehle Enversen zufolge dem Ortsratsbereich Mitte West eine vergleichbare Identität.

Mit dem neuen Namen „Waldstadt“ solle sich das ändern. „Ein Name ist ein wichtiger Wert und der Name Mitte West hat überhaupt keinen Wert. Weil es weder Mitte noch West ist und kein Mensch weiß, was das überhaupt ist“, sagt Enversen. Dabei ist ihm bewusst, dass eine Umbenennung allein keine Probleme löst: „Mit einer Namensänderung sind noch nicht die Lebensverhältnisse der Menschen verbessert, das muss sich langsam bilden und diesen Prozess hat der Ortsrat und der Rat der Stadt jetzt eingeleitet.“

Der Name sei vielmehr ein Mittel zum Zweck, um Aufmerksamkeit zu schaffen: „Das eigentliche Ziel ist ja nicht, den Namen zu ändern. Das ist nur ein Werkzeug, um sicherzustellen, dass man die politische Vertretung der Menschen, für die wir einzustehen haben, verbessert.“

Besonders scharf fällt die Kritik an der fehlenden direkten Bürgerbeteiligung aus. Enversen verweist hier auf die Grundprinzipien der kommunalen Demokratie. „Es gibt keine plebiszitären Entscheidungsformen für eine Namensänderung“, sagt er. Zuständig sei der demokratisch gewählte Ortsrat und der Rat der Stadt.

Eine umfassende Beteiligung aller sieben Stadtteile sei zudem kaum realisierbar gewesen. „Wir haben das durchgespielt, um Bürger auf vergleichbarem Informationsniveau einzubinden, wären aufwendige Workshops nötig gewesen, mit Kosten von circa 20 bis 30.000 Euro pro Stadtteil“, erklärt er. Diese Summe würde das Ortsratsbudget deutlich überschreiten.

Doch nicht nur, dass die Bürger nicht gefragt wurden, sorgt für Unmut, sondern auch die Kosten. Für die Namensfindung wurden 25.000 Euro aus Ortsratsmitteln genutzt. In einem Vorbehaltsbeschluss sind weitere 25.000 Euro für Werbemaßnahmen wie Magazine und Postkarten vorgesehen. Weitere 23.000 Euro könnten für zusätzliche Ortsschilder fällig werden. Insgesamt handelt es sich um Mittel, die dem Ortsrat zur Verfügung gestellt sind. Würden diese Gelder nicht verplant, stünden diese, laut Enversen, für die Stadtteile des Ortsratsgebietes nicht mehr zur Verfügung: „Wenn wir das Geld nicht beispielsweise für das Thema Waldstadt verplanen, landet es im allgemeinen Haushalt, diese Beschlüsse dienen daher der Budgetsicherung.“

Weiterer Kritikpunkt ist, dass der Name „Waldstadt“ nicht zum Gebiet passe, da gar nicht so viel Wald vorhanden sei. Auch diesem Vorwurf widerspricht Enversen entschieden: „60 Prozent des Gebietes von Mitte Westen bestehen aus zusammenhängendem Wald“, sagt er. Dabei handle es sich nicht um vereinzelte Grünflächen, sondern um echten, durchgehenden Stadtwald.

Der Name sei bewusst gewählt und betone auch den urbanen Charakter des Bezirks: „Der Name Waldstadt besteht ja nicht nur aus Wald, sondern auch aus Stadt. Und das ist fast genauso entscheidend“, sagt Enversen. Die Stadtteile lägen dichter an der Innenstadt und am Volkswagen-Werk als manche klassisch wahrgenommenen Quartiere. „Wir sitzen mitten im Zentrum und direkt am Hauptarbeitgeber Volkswagen.“

Die Sorge, dass die bestehenden Stadtteilnamen verschwinden könnten, sei unberechtigt: „Der einzige Name, der sich ändert, ist der Name Mitte West. Die Namen der Stadtteile bleiben so, wie sie sind“, erklärt Enversen. Ziel sei ausdrücklich mehr Identitätsbildung: „Wir wollen nicht weniger Identität, sondern mehr Identität und dafür brauchen wir die Namen der Stadtteile“, betont er. Inwiefern sich der neue Name „Waldstadt“ als Ortsratsname etabliert, wird sich mit der Zeit zeigen.

Enversen ist überzeugt: „Allein die Diskussion, auch die negative Diskussion, sorgt jetzt dafür, dass das in den Köpfen hängen bleibt.“ Entscheidend sei nun, den Namen mit konkreten Verbesserungen für die Menschen vor Ort zu füllen.

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