„Es war wie ein Traum“
Flavio Benites und Brasiliens Präsident Lula da Silva verbindet eine mehr als 40-jährige Freundschaft

Wiedersehen im Stammwerk: Brasiliens Ministerpräsident Lula da Silva (vorne 2. von rechts) und Flavio Benites (links daneben) kennen sich seit mehr als 40 Jahren.Foto: IG Metall Wolfsburg
Wolfsburg. Für Flavio Benites sind am 20. April im Wolfsburger VW-Stammwerk zwei Lebenswirklichkeiten miteinander kollidiert. Nicht im Schlechten, sondern im Guten. Der erste Bevollmächtigte der Industriegewerkschaft (IG) Metall Wolfsburg traf in seiner zweiten Heimat Brasiliens Präsident Lula da Silva. „Es war einer der intensivsten Momente in meinem Leben“, sagt Benites. Ihn und Lula verbindet eine mehr als 40 Jahre währende Freundschaft, die ihre Anfänge noch in der Zeit der Militärdiktatur in Brasilien genommen hat.

„Lula ist eine Inspiration für mich. Seine Art, auf Menschen zuzugehen, sein Interesse an ihnen, das macht ihn aus. Er ist ein Mann des Volkes“, betont Benites. Kennengelernt haben sich die beiden Anfang der 1980er-Jahre in der Region um São Paulo, dem industriellen und wirtschaftlichen Herz Brasiliens. Benites war Anwalt für Arbeitsrecht und arbeitete zunächst noch für eine andere Gewerkschaft. Lula war Vorsitzender der Gewerkschaft der Metallarbeiter ABC in São Bernardo do Campo.

Dort betrieb nicht nur Volkswagen sein größtes Werk in Südamerika mit damals noch mehr als 40.000 Beschäftigten. Auch andere deutsche Automobilhersteller, Chemiekonzerne und weitere Industrieunternehmen hatten sich dort niedergelassen. „Es war eine Stadt wie Wolfsburg, nur mit VW, Toyota und Mercedes“, sagt Flavio Benites.

Geprägt waren die 1970er- und der Anfang der 1980er-Jahre in Brasilien von der Militärdiktatur. 1980 gründete Lula die Partido dos Trabalhadores. Programmatisch ist die Partei von der Gewerkschaftsbewegung und der Befreiungstheologie geprägt. Aber schon vor der Gründung war Lula eine prägende Figur der Arbeiterbewegung. Mit seiner Gewerkschaft ABC ging er in den 1970er-Jahren in die Betriebe und wollte vor Ort Verbesserungen für die Beschäftigten durchsetzen.

„Andere Gewerkschaften waren kommunistisch geprägt und wollten die Arbeiter als politisches Kapital nutzen. Lula wollte die Situation der Menschen verbessern und ging in die Betriebe“, sagt Benites. Denn auch Lula kennt die Armut, schloss nie die Schule ab und musste früh arbeiten, um für die Familie nach dem Tod des Vaters Geld zu verdienen. In den 1970er-Jahren wird der spätere brasilianische Präsident als Streikführer verhaftet.

1984 lernen sich Lula und der heutige erste Bevollmächtigte der IG Metall Wolfsburg kennen. Benites arbeitete als Anwalt für die Gewerkschaft Lulas. „Wir wollten besser leben, wir wollten Demokratie“, erinnert sich Benites an die Zeit der Militärdiktatur. Anfang 1985 findet sie ihr Ende. 1989 tritt Lula bei den ersten freien Präsidentenwahlen nach dem Ende der Diktatur als Kandidat an und kommt auf Anhieb in die Stichwahl, bei der er knapp unterliegt.

Die Zeit nach dem Ende der brasilianischen Militärdiktatur sei für ihn eine extrem wichtig gewesen, betont Benites. „Es war eine Zeit wie die 68er-Bewegung. Die Gesellschaft wurde offener, die Frauenrechte wurden gestärkt. Das ganze Land war in Aufbruchstimmung“, erinnert er sich. „Alle Parteien nannten sich progressiv. Niemand wollte rechts sein.“

Doch Lula wird noch zwei weitere Male mit seiner Kandidatur als Präsident scheitern, bevor er es im vierten Anlauf 2002 schafft. „Ich habe nicht mehr daran geglaubt, dass er es schaffen kann“, sagt Benites. Er und seine Frau wandern nach der zweiten Wahlniederlage Lulas 1995 nach Spanien aus. Dort besucht ihn sein Freund. „Es ist eine sehr persönliche Freundschaft. Er hat nicht nur meine Frau und mich immer wieder besucht, sondern auch meine und ihre Eltern“, erklärt Benites.

Der Kontakt bricht auch nicht ab, als Benites und seine Familie 1998 nach Deutschland gehen. Bei der IG Bergbau und Chemie bekommt Benites einen Job. Der damals 40-Jährige lernt in zwei Jahren Deutsch und wagt den Neuanfang. Dann folgt der Wechsel nach Wolfsburg zur IG Metall. Möglich gemacht durch bereits in Brasilien geknüpfte Kontakte mit der IG Metall Wolfsburg, der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Hans-Böckler-Stiftung. Die Stadt wird zur neuen Heimat. Die Kinder werden dort geboren.

In all der Zeit treffen sich Benites und Lula immer wieder. „Lula interessiert sich für die Menschen. Wir haben immer den Kontakt miteinander gepflegt. Er hat mich auch mehrmals gefragt, ob ich nach Hause zurückkommen möchte“, erzählt Benites. Als Lula erfährt, dass Benites erster Bevollmächtigter der IG Metall Wolfsburg werden möchte, ist er stolz. Habe aber auch ungläubig gefragt, ob er das einfach so werden könne. Was auch daran liegt, dass in Brasilien Angestellte einer Gewerkschaft nicht gleichzeitig ihre Mitglieder sind, wie in Deutschland.

„Ich habe zwei Orte, an denen ich mich zu Hause fühle. Brasilien und Wolfsburg“, so Flavio Benites. Im VW-Stammwerk beim Besuch Lula da Silvas sind diese beiden Orte zusammengetroffen. Lula sei wie immer gewesen, habe den Kontakt zu den Beschäftigten am Band gesucht. Und da auch Brasilianer dabei gewesen seien, sei das Ganze sehr herzlich ausgefallen. „Es war wie ein Traum. Ich habe mich immer wieder gefragt, wann ich aufwache“, sagt Benites.

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