Im Klinikum Wolfsburg zeigt sich diese Herausforderung täglich. Nicht selten kommt es vor, dass Betroffene ihre Situation nicht mehr einordnen können. Der Gedanke, sich in einem Krankenhaus zu befinden, ist dann verschwunden und die Umgebung wirkt bedrohlich und unverständlich.
Das Klinikum Wolfsburg reagiert auf diese besondere Problemlage mit einem ehrenamtlichen Begleitangebot, das genau hier ansetzt.
Ehrenamt als AnkerDamit Patientinnen und Patienten mit Demenz mehr Halt finden, unterstützen ehrenamtliche Patientenbegleiterinnen und -begleiter ausgewählte Stationen. Sie schenken Zeit, Aufmerksamkeit und Orientierung im oft unruhigen Krankenhausalltag.
„Oft sind es gerade die einfachen Dinge, die beruhigend wirken“, erklärt die Demenzbeauftragte des Klinikums, Julia Neumann. Vorlesen, Spaziergänge oder das gemeinsame Begleiten zu Untersuchungen können helfen, Ängste zu reduzieren und Sicherheit zu vermitteln. „Persönliche Zuwendung kann sehr viel auffangen, wenn vertraute Orientierung fehlt“, sagt sie.
Der Ansatz ist bewusst niedrigschwellig gehalten. Es geht nicht um medizinische Betreuung, sondern um menschliche Nähe und Verlässlichkeit in einer Situation, die für Betroffene kaum greifbar ist.
Zeit schenken statt nur helfen
Eine der Ehrenamtlichen ist Barbara Hocke. Seit mehr als drei Jahren besucht sie Patientinnen und Patienten auf den Stationen. Nach 48 Berufsjahren, überwiegend im Büro, sei für sie früh klar gewesen, dass sie ihre freie Zeit sinnvoll einsetzen möchte. „Durch die jahrelange Betreuung meiner Mutter hatte ich häufig Kontakt mit älteren Menschen.“ Für sie war immer klar: „Wenn ich nicht mehr arbeiten muss, möchte ich Zeit verschenken und mich um ältere Menschen kümmern, die Hilfe brauchen“, erzählt die 65-Jährige.
Im Mittelpunkt ihrer Besuche stehen Gespräche, Spiele und Erinnerungen. Besonders beliebt sind kleine Quizformate, bei denen alte Redewendungen ergänzt werden müssen. Manchmal schaut sie gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten alte Fotos an, etwa Aufnahmen aus Wolfsburg oder Bilder aus früheren Zeiten. „Das Material habe ich immer in meiner Patientenbegleitertasche dabei“, sagt die Wolfsburgerin.
Diese Begegnungen sind für viele Betroffene mehr als Beschäftigung. Sie geben Struktur, beruhigen und schaffen Augenblicke, in denen die fremde Umgebung für einen Moment in den Hintergrund tritt.
Klinikum WolfsburgUm dieses ehrenamtliche Angebot für Patientinnen und Patienten mit einer demenziellen Erkrankung zu sichern, sucht das Klinikum Wolfsburg Menschen, die sich auf diese besondere Aufgabe einlassen möchten. Vorkenntnisse seien dabei nicht zwingend erforderlich, hält Neumann fest: „Wir wünschen uns engagierte Frauen und Männer, die bereit sind, sich auf die Welt von Menschen mit Demenz einzulassen.“
Neben der direkten Begleitung erhalten auch Angehörige Hinweise auf Beratungsangebote außerhalb des Klinikums. Das Ehrenamt wirkt damit über den Krankenhausaufenthalt hinaus.
Neue Helferinnen und Helfer werden vor ihrem Einsatz umfassend geschult. Sie lernen den Umgang mit Demenz, erhalten Einblicke in typische Belastungssituationen im Krankenhaus und werden kontinuierlich begleitet.
Ein stilles AngebotDas Projekt zeigt, wie entscheidend persönliche Zuwendung im Krankenhaus sein kann, besonders für Menschen, deren Realität sich im Moment nicht stabil halten lässt. Es sind oft kleine Gesten, die Orientierung zurückgeben und Angst reduzieren.
Für das Klinikum Wolfsburg ist das Ehrenamt damit nicht nur eine Ergänzung, sondern ein wichtiger Baustein im Umgang mit einer wachsenden Herausforderung im Klinikalltag.