Die Aschedeponie
ist einzigartig
Die „Natur“ holt sich das Gelände bei Mehrum zurück

Torsten Habekost auf dem Gelände der ehemaligen Aschedeponie in Mehrum.Foto: Ralf Büchler
Mehrum. Auf dem Gelände des 2024 stillgelegten Mehrumer Kohlekraftwerks läuft der Abriss, immer mehr Gebäudeteile verschwinden nach und nach aus dem Blickfeld. Unweit davon befindet sich die ehemalige Aschedeponie, auf der einst - wie der Name unschwer erahnen lässt - die im Kraftwerk entstandene Asche gelagert wurde. Eigentlich war vorgesehen, die große Fläche zu rekultivieren, sie also durch Rückbau für die Landwirtschaft oder als Erholungsgebiet nutzbar zu machen. Doch die Natur hat quasi selbst entschieden, was auf dem Areal passieren soll.

„In Deutschland sei es vorgeschrieben, dass nicht mehr benötigte Deponien rekultiviert werden“, erklärt Torsten Habekost, Projektleiter für die Stilllegung und den Rückbau des Kraftwerks Mehrum. So sei es auch im Fall der ehemaligen Aschedeponie vorgesehen gewesen. Diese erstreckt sich über 70.000 Quadratmeter - ungefähr so viel wie zehn große Baumärkte nebeneinander oder 3.000 Parkplätze.

„Dafür haben wir bereits biologische Kartierungen gemacht“, sagt Habekost. Dabei habe sich herausgestellt, dass das Areal mittlerweile ein vielfältiger Lebensraum für die unterschiedlichsten Tierarten ist - von Insekten und Vögeln über Reptilien bis zu Amphibien. Gewissermaßen habe sich die Natur verselbstständigt, ohne Zutun des Menschen. Einige Flächen sind wenig bewachsen, auf anderen steht beispielsweise Schilf. „Jeder Teil ist ein spezieller Lebensraum für Tiere“, so der Projektleiter. Unter anderem habe sich der Flussregenpfeifer, eine gefährdete Vogelart, einen wenig bewachsenen Abschnitt der alten Deponie als Brutgebiet ausgesucht. Weiterhin seien bei den Kartierungen Tierarten wie Ringelnatter, Kammmolch und Rohrweihe nachgewiesen worden.

Somit sei man zu dem Ergebnis gekommen, die Deponie in ihrem jetzigen Zustand zu belassen, zumindest größtenteils. „Wir müssen beispielsweise nichts zuschütten und auch kein Teichwasser abpumpen. Einiges muss zwar zurückgebaut werden, doch im Großen und Ganzen bleibt alles, wie es jetzt ist“, schildert Habekost und betont: „Das ist einzigartig in Deutschland.“

Eng zusammengearbeitet habe man im Fall der Deponie mit der Peiner Biologischen Arbeitsgemeinschaft (Bio AG). „Da haben wir großes Glück gehabt“, meint Habekost. Gut gelaufen sei allerdings auch die Zusammenarbeit mit der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Peine sowie die enge Abstimmung mit dem Gewerbeaufsichtsamt als zuständige Genehmigungsbehörde für die Deponie. Denn allein hätte die Kraftwerk Mehrum GmbH die Entscheidung bezüglich der Rekultivierung nicht treffen können.

Auf dem Gelände sei immer ausschließlich Kraftwerk-Asche eingelagert gewesen, erklärt der Projektleiter. Das Wasser, mit dem die Asche auf die Deponie befördert wurde, sei anschließend wieder ins Kraftwerk gepumpt worden. Während der gesamten Zeit sei für das Grundwasser und die Umgebung dadurch keine Gefahr entstanden, was man habe nachweisen können. Entsprechend sei es möglich, Flora und Fauna „freie Hand“ zu lassen. Rund um die alte Deponie befinden sich landwirtschaftlich genutzte Flächen. Das 70.000 Quadratmeter große Gebiet in der Mitte sei nun so etwas wie „eine grüne Oase“, so der Experte - auch wenn diese natürlich erst im Frühling wieder richtig grün wird.

Ein Stück weit entfernt laufen unterdessen die Vorbereitungen für die nächste Sprengung auf dem Kraftwerk-Gelände. Im Frühjahr soll der große Denox-Katalysator an dem 130 Meter hohen Kesselhaus mit einem lauten Knall fallen. Vorgesehen ist, das Kesselhaus selbst dann im Sommer zu sprengen. Der 250 Meter hohe Kamin soll zum Schluss in sich zusammenstürzen, voraussichtlich zum kommenden Jahreswechsel. Die übrigen Gebäude werden auf konventionelle Weise dem Erdboden gleichgemacht, zum Beispiel mit einem Kettenbagger samt Abrissbirne.



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