Allgemein-Mediziner und Internist Dr. Friedrich Scheibe kennt die Facharzt-Sorgen auch von Patienten aus seiner Hausarzt-Praxis in Groß Bülten. „Die gefühlte Wartezeit hat zugenommen in den vergangenen Jahren, das ist so“, sagt der Kreis-Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung. Vor allem bei Hautärzten, Kardiologen, Rheumatologen, Neurologen oder Psychotherapeuten sind die Wartezeiten nach Einschätzung der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) in Peine am längsten.
In einer ländlichen Region wie in Peine könnten Patienten mitunter zwei bis sechs Monate auf einen Facharzt-Termin warten müssen, ordnet die KVN auf PAZ-Nachfrage ein. Und das Problem könnte sich sogar noch verschärfen. Die Gründe: „Der demografische Wandel, mehr ältere Patienten, mehr chronisch Kranke“, zählt Dr. Scheibe auf. Die Folge: „Die alternde Gesellschaft und zunehmend komplexe Krankheitsbilder erfordern längere Behandlungs- und Beratungszeiten. Sie produzieren aber auch längere Wartezeiten“, analysiert KVN-Sprecher Detlef Haffke.
Ein weiterer Grund
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für längere Wartezeiten sei, dass Fachärzte in der Regel 10 bis 20 Prozent ihrer erbrachten Leistungen nicht bezahlt bekämen. „Ist das Quartalsbudget ausgeschöpft, können oft keine weiteren Behandlungen wirtschaftlich erbracht werden.“ Auch der Groß Bültener Hausarzt Dr. Scheibe weiß: „Die Praxen stehen unter wirtschaftlichem Druck. Die Gehälter und Energiekosten haben deutlich zugenommen.“
Kurios: Nach der gesetzlich vorgegebenen Bedarfsplanung spricht die KVN für Peine aber von einer „guten“ fachärztlichen Versorgung. „Es gibt für fast alle Facharztgruppen eine Sperrung für weitere Niederlassungen – also Überversorgung. Lediglich ein Hautarzt und ein Kinder- und Jugendarzt können sich noch ad hoc niederlassen. Dazu kommen neun offene Hausarztsitze“, erläutert Haffke.
Das Hausärzte-Problem ist demnach in Peine sogar viel drängender als das Fachärzte-Problem. Auch Allgemein-Mediziner Dr. Scheibe versucht daher etwas zu beruhigen. Es müsse nicht alles immer sofort passieren, Deutschland sei in dieser Hinsicht verwöhnt. „Wenn es sehr dringend mit einem Termin ist, kümmert sich der Hausarzt drum. Hausarzt-Vermittlungsfall nennt sich das“, erklärt er. Wenn der Patient bekannt sei, werde auch mal eine Salbe für die Neurodermitis-Erkrankung verschrieben, ohne dass eine Überweisung zum Hautarzt fällig ist.
Zudem weist er auf die Termin-Servicestellen der Kassenärztlichen Vereinigung hin. Sie helfen den gesetzlich Versicherten auch dabei, einen Termin bei einem Facharzt zu finden. Hausärzte stellen für diesen Service einen Dringlichkeitscode aus. Ob Kardiologe, Neurologe oder Orthopäde: Die Servicestelle kann Ärzte in der Region und freie Termine vermitteln. Patienten können den Service im Internet unter www.116117.de oder unter Telefon 116117 erreichen.
Besonders angespannt ist in Peine die Hautarzt-Versorgung. Schon jetzt gibt es nur noch eine Praxis im Landkreis. „Bei den Hautärzten haben wir Nachwuchsprobleme. Trotz aller Bemühungen ist ein Sitz in Peine unbesetzt“, bedauert Scheibe.
Apropos Nachwuchs: Der Kreis-Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung hat zuletzt auch immer häufiger festgestellt, dass sich jüngere Ärzte davor scheuen, sich niederzulassen. „Sie haben einfach Sorge vor der wirtschaftlichen Situation. Sie möchten eher in Kooperation in größeren Einheiten arbeiten. Und wir haben eine zunehmende Zahl an Teilzeitbeschäftigung“, berichtet Scheibe. „Der Trend zur Anstellung hat stark zugenommen“, beobachtete auch die KVN. „Mit klaren Arbeitszeit- und Urlaubsregelungen“, verdeutlicht Sprecher Haffke. „Bei der Besetzung von Arztsitzen heißt das Zauberwort Work-Life-Balance.“
Die KVN versucht mit einem Lockmittel gegenzusteuern. „Wir fördern Niederlassungen gegebenenfalls mit bis zu 75.000 Euro“, betont Haffke. Zudem würden verstärkt Werbemaßnahmen für den ärztlichen Nachwuchs anlaufen. Verbesserungen verspricht sich die KVN auch vom Ausbau der Telemedizin. Videosprechstunden können Anfahrtswege und Wartezeiten im Sprechzimmer sparen. Mitunter könnten eingesandte Fotos vom Ausschlag auf der Haut schon zur Diagnose und für ein Rezept reichen. Damit das auch auf dem Land gut möglich ist, fordert die KVN den weiteren Ausbau von Internetstrukturen. „Neue Formen der digitalen Kommunikation mit der Arztpraxis müssen störungsfrei und stabil aufgebaut werden.“
Der Groß Bültener Hausarzt Dr. Friedrich Scheibe setzt bereits auf Videosprechstunden. Er sagt aber auch: „Auf dem Gebiet könnte sicherlich noch mehr geschehen.“ Der Kreis-Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung appelliert zudem zum Abbau von Bürokratie für die Praxen und für eine gezielte Patientensteuerung. Heißt: Der Weg zum Facharzt wird dann in der Regel über den Hausarzt erfolgen. Dieses Primärarztsystem ist international eher die Regel und könnte auch das Interesse für Niederlassung von Hausärzten steigern. Befürworter betonen, dass so garantiert werden kann, dass Patienten passend versorgt werden, aber sie nicht mit Bagatellanlässen Facharzt-Praxen verstopfen. Denn auch das trägt zu Termin-Engpässen bei.