So will das Schweizer Dorf Lauterbrunnen den Massentourismus bewältigen
Eine geplante Eintrittsgebühr für Autofahrerinnen und Autofahrer ist gescheitert

Hunderttausende reisen jährlich nach Lauterbrunnen, um das Touristenhighlight mit eigenen Augen zu sehen.Foto: imago images/imagebroker
Fast eine Million Menschen übernachten pro Jahr in der Gemeinde Lauterbrunnen, in der eigentlich nur knapp 2700 Einheimische leben. Welche Maßnahmen nun helfen sollen, den Ansturm zu managen.

Das Schweizer Dorf Lauterbrunnen liegt nahezu paradiesisch inmitten der Alpen. Doch eine so traumhafte Lage hat auch Nachteile: Seit Jahren kämpft das Dorf mit steigenden Touristenzahlen.

Wie die Gemeinde Lauterbrunnen online offenlegt, gab es in den vergangenen Jahren über 900.000 Übernachtungen pro Jahr, der Rekord liegt derzeit bei 930.994 im Jahr 2024. Zum Vergleich: In der Gemeinde leben insgesamt nur knapp 2700 Menschen.

An schönen Sommertagen sei die Flut an Besucherinnen und Besuchern kaum zu bewältigen, sagte der Gemeindepräsident Karl Näpflin der „Berner Zeitung“. Als Höchstwert seien in nur wenigen Stunden 4600 Fahrzeuge in eine Richtung gemessen worden. Um das zu ändern, forderte Näpflin bereits vor zwei Jahren einen Eintritt für Autofahrerinnen und Autofahrer, den sie per App bezahlen könnten.

Doch dieses Vorhaben ist rechtlich gescheitert, da durch Lauterbrunnen eine Kantonsstraße verläuft. Die kantonalen Behörden hätten zu verstehen gegeben, dass das Eintritts-Modell nicht möglich sei. Somit bleibe es bei der Bekämpfung der Symptome, ärgert sich Näpflin.

In den vergangenen Jahren seien Lauterbrunnen sowie andere Tourismusgemeinden in der Region „überrollt“ worden – und die Gemeinde versuche nun, die Kontrolle zurückzugewinnen. Geplant sind zunächst drei große Projekte: Die Kantonsstraße soll verbreitert werden, damit auch Fußgängerinnen und Fußgänger Platz haben.

Außerdem soll ein unterirdisches Parkhaus mit bis zu 350 Parkplätzen errichtet werden, und der Bahnhofsplatz Lauterbrunnen soll benutzerfreundlicher gestaltet werden.

Um die Massen an Autos und Bussen in Lauterbrunnen zu reduzieren, soll zudem die Berner-Oberland-Bahn (BOB) von Interlaken auf einen Viertelstundentakt umstellen, damit mehr Menschen mit der Bahn anreisen können.

Lauterbrunnen will keinesfalls sämtliche Touristinnen und Touristen vergraulen, dafür ist das Segment viel zu lukrativ. Laut „Berner Zeitung“ hat die Gemeinde im vergangenen Jahr ein Plus von 7,4 Millionen Franken in der Kasse verzeichnet.

So reagiert die Schweiz auf den Massentourismus

Pascale Berclaz, Direktorin der touristischen Vermarktungsorganisation „Made in Bern“, kennt die Schwierigkeiten im Berner Oberland, zu dem auch Lauterbrunnen gehört. Sie nennt es nicht „Overtourism“, sondern „Unbalanced Tourism“, also „unausgewogener Tourismus“. Das Problem sei, dass sich zu viele Menschen am selben Ort zur selben Zeit befinden, und man müsse diese besser verteilen, „zeitlich und geografisch“.

Um das zu erreichen, soll es künftig auch mehr Angebote in der Nebensaison geben, beispielsweise Herbstwanderungen und Winterevents abseits der Piste. Außerdem sollen Gästinnen und Gäste angesprochen werden, die flexibler reisen können und nicht auf Ferien oder Ähnliches angewiesen sind.

Die Schweiz hat bereits auf den wachsenden Massentourismus reagiert und die Kampagne „Travel with care – leave with memories“ ins Leben gerufen. Darin wird auf die einzelnen Möglichkeiten und Verhaltensweisen hingewiesen, wie man verantwortungsbewusst reisen sollte. Dazu gehört auch, private Grundstücke zu respektieren, Menschen vor einem Foto um Erlaubnis zu bitten und lokale Unternehmen zu unterstützen.

Druckansicht