„Kinder fernhalten, Hunde an die Leine”: Seit September 2023 hängen die roten Hinweistäfelchen im Bereich der Ise zwischen Torstraße und Cardenap, zum Beispiel an Brückengeländern. Die Stadt hat keinesfalls vergessen, sie abzunehmen. „Der Bereich Torstraße/Cardenap/ Ise wird nach wie vor beködert, da es derzeit dort noch eine Rattenpopulation gibt“, teilte Stadtverwaltungssprecher Frank Kornath auf Anfrage mit.
In jenem Bereich gebe es einige Aspekte wie die direkte Wasserquelle durch die Ise und Unterschlupfmöglichkeiten durch Bodendecker, die die Ansiedlung von Ratten begünstigten. Aus Sicht von Joachim Neumann vom Nabu-Artenschutzzentrum hat das aber nicht in erster Linie mit der Nähe zu einem Fluss zu tun, sondern eher mit Nahrung. „Wenn sie eine gute Nahrungsgrundlage haben, können sie auch gut für Nachwuchs sorgen.“ Deshalb sei es wichtig, keine Nahrung – vor allem keine gekochte – draußen zu entsorgen, sei es im Gebüsch oder auf einem Komposthaufen.
Auch der Bereich des Finanzamts ist bekannt als Beköderungs-Areal. Auf die konkrete Frage nach weiteren Stellen, heißt es im Rathaus lediglich, dass es im Stadtgebiet vereinzelte Grundstücke mit Rattenbefall gibt, an denen Rattenköder ausliegen.
Eines dieser vereinzelten Grundstücke ist der neue und beliebte Spielplatz am Schlosssee direkt neben der Aller. Entlang des Zauns, der das Areal für Kinder vom Flussufer abschirmt, sind auf Aller-Seite in regelmäßigen Abständen schuhkartongroße, anthrazitfarbene Köderboxen abgestellt. Auf der Spielplatzseite warnt ein Schild vor der Rattenbekämpfung.
Ratten können Krankheiten übertragen. Vorsicht ist demnach geboten, jedoch: „Ich rate von Panik ab“, sagt Neumann. Auch Kammerjäger Sven Wrehde aus Braunschweig, zu dessen Einzugsgebiet Gifhorn gehört, sieht keinerlei akute Gefahren für Kinder und Eltern. „Sie greifen nicht ohne Grund an, sie sind absolut scheu und laufen eher weg“, sagt der Experte.
„Ratten sind nicht aggressiv, im Gegenteil, sie verkrümeln sich sofort, wenn sie Menschen sehen“, betont auch Joachim Neumann. Das unterscheide die Wanderratte als heimisches Wildtier zum Beispiel von Nutrias, die inzwischen durch Anfütterung ihre Scheu abgelegt hätten. Doch wer füttere schon Ratten an?
In einem Fall ist laut Sven Wrehde allerdings Vorsicht geboten: Von Löchern im Boden sollte man sich in Ratten-Gebieten fernhalten. Das könnten die Nistplätze sein, die die Tiere verteidigen würden, vor allem wenn sie gerade Junge hätten. Auch von den Köderboxen geht laut Joachim Neumann keine Gefahr aus. An die Köder käme niemand so schnell heran, selbst dann nicht, wenn man die Box schüttele, denn sie seien darin befestigt. Nichtsdestotrotz warnen die Schilder davor, sich den Köderboxen zu nähern.
„Es hilft nichts, immer wieder mit Gift um sich zu werfen“, sagt Neumann vom Nabu zum Thema Bekämpfung. „Wenn sie sich massenhaft vermehren, muss man schauen, wo die Quelle ist.“ Die Stadt Gifhorn müsse also die Ursache bekämpfen. Doch das dürfte ein mühseliges Geschäft sein. „Das ist sehr schwierig“, erklärt Sven Wrehde. „Wenn man das in Griff kriegen will, muss man täglich bejagen.“ Und eben nach Niststätten suchen. Das könne nicht jeder Betrieb leisten.