Tierquälerei um Katzenjunges „Ghost“
Vorsitzende Jennifer Bastian: Kastrationspflicht für freilaufende Katzen

Die Wolfsburger Tierhilfe wurde zu sechs Katzenbabys gerufen, die in einem Graben lagen.Foto: Tierhilfe Wolfsburg e.V.
Wolfsburg. Wenn bei Jennifer Bastian das Telefon klingelt, heißt das meist nichts Gutes. Denn nach Feierabend, an den Wochenenden und in der Urlaubszeit ist die Vorsitzende der Wolfsburger Tierhilfe im Einsatz, um Katzen zu retten. Verwahrloste, ausgesetzte, verletzte Tiere – sie alle werden von Bastian aufgepäppelt. Die 38-Jährige hat schon einiges an Tierleid gesehen. Doch der jüngste Fall von Tierquälerei macht auch sie fassungslos. Sechs Katzenbabys wurden in einem Graben an einem Feldrand in Ummendorf (Sachsen-Anhalt) ausgesetzt. Der Zustand der Tiere: erbärmlich.

„Ghost“, so wurde die kleine schwarze Katze von ihrem Finder getauft, atmete kaum noch, als Jennifer Bastian das Tier aufsammelte. Dünn, abgemagert, und extrem unterkühlt. Genauso die fünf anderen Katzen. Nur wenige Wochen waren sie alt, als der Fund der Tierhilfe gemeldet wurde. „Die Katzen wurden einfach ins hohe Gras geworfen“, sagt die 38-Jährige, die sich seit 18 Jahren bei der Tierhilfe engagiert. An der Fundstelle angekommen, übernahm sie die Erstversorgung der Katzenjungen. „Ich musste sie warmhalten, alle Katzen lagen schon auf der Seite, waren unterkühlt, ausgetrocknet, im Delirium.“ Der Anblick von „Ghost“ war besonders schlimm. Fliegen hatten ihre Eier im Gesicht der Katze abgelegt. „Nicht mehr lange und die Larven wären geschlüpft, dann hätten sie die Katze bei lebendigem Leib aufgefressen“, so Bastian.

Einen Einsatz solchen Ausmaßes hatte Bastian noch nicht, obwohl sie jede freie Minute für die Wolfsburger Tierhilfe unterwegs ist. „Im Moment ist Kitten-Zeit, da ist viel zu tun“, weiß die Tierretterin. Erst vor ein paar Tagen rettete sie eine vier Monate alte Katze, die eine Hinterbeinfraktur und Katzenschnupfen hatte.

Doch Bastian ist nicht nur in Wolfsburg unterwegs, sondern auch in der Region und manchmal darüber hinaus. Dass sie auch aus Sachsen-Anhalt gerufen wird, liegt daran, dass sie Tag und Nacht im Einsatz ist – auch außerhalb der Öffnungszeiten von Tierheimen. Für Bastian eine Herzensangelegenheit. Doch die Vorsitzende der Wolfsburger Tierhilfe ist wütend. Nicht weil sie ihre Freizeit für die Tiere opfert, sondern weil den Katzen viel Leid erspart bleiben könnte. Sie fordert eine flächendeckende Kastrations- und eine Kennzeichnungspflicht. Und das schon viele Jahre. In einigen Kommunen, so auch in Wolfsburg, wurde das bereits durchgesetzt. Doch längst nicht in allen.

Nach Informationen des Deutschen Tierschutzbundes gilt bereits in etwa 2.000 Gemeinden und Städten eine Katzenschutz- oder Kastrationsverordnung. Seit 2013 können Bundesländer mit dem Paragrafen 13b des Tierschutzgesetzes selbst eine landesweite Verordnung erlassen oder dies über eine Zuständigkeitsverordnung den Landkreisen oder Kommunen überlassen. So handhabt es auch Niedersachsen.

In Ummendorf, dem Fundort der ausgesetzten Katzen, sieht es anders aus. Denn: „In Sachsen-Anhalt gibt es keine gesetzliche Kastrations- und Registrierungspflicht für Katzen“, erklärt der Leiter der Stabsstelle der Verbandsgemeinde, Obere Aller, Thomas Malcher. Der Erlass einer entsprechenden Katzenschutzverordnung sei für die Gemeinde Ummendorf momentan auch nicht angezeigt.

„Dabei haben wir gemerkt, dass in Wolfsburg die Katzenpopulation mit der Kastrationspflicht zurückgegangen ist“, sagt Jennifer Bastian. Und: Wenn die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Tierhilfe eine Katze aufsammeln, die nicht kastriert ist, haben sie eine rechtliche Handhabe. Denn sie können unkastrierte Tiere dem Ordnungsamt melden, den Haltern droht eine Geldstrafe.

Doch der Alltag der Tierschützerin gleicht einem Kampf gegen Windmühlen. „Wir können noch so viele Katzenbabys retten, heulen, infundieren, Fliegeneier und Maden absammeln, noch so viele Nächte durchmachen, noch so viele Spenden sammeln. Wir werden das Problem niemals lösen, solange neue Katzen ins Elend geboren werden“, so die Expertin.

Für Katze „Ghost“ hat sich am Ende noch alles zum Guten gewendet, das Tier hat überlebt. Zwei der anderen gefundenen Kitten sind noch am Tag des Rettungsversuches gestorben, eine kurze Zeit später.

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